Die ewigen Berge

Ein philosophisches Gespräch über die Dolomiten mit dem Foto-Künstler Kurt Moser

 

Golden leuchten die Lärchen aus den Wäldern. Vor uns erhebt sich – wie eine steinerne Wand – der Latemar. Wir sitzen auf einer sonnengeschwärzten Holzbank, den Blick dem Bergkoloss zugewandt, den das Mittagslicht noch nicht erreicht hat. Ich darf Kurt Moser begleiten, bei der Suche nach den schönsten Plätzchen in den Dolomiten, nein – nach den schönsten Bergperspektiven, die er mit einer uralten fotografischen Technik, der Ambrotypie, festhalten will.

Für sein Projekt Lightcatcher werden zwei weitere Kolosse – ein russisches Militärfahrzeug und eine riesige Kameralinse – eine Rolle spielen. Doch was in seinem Herzen eine Rolle spielt, davon erzählt mir Kurt in diesem sonnigen Moment.

KM: Der Latemar ist für mich einer der schönsten Berge Südtirols. Er steht zwar immer ein wenig im Schatten des weithin berühmteren Rosengartens, doch vor allem aus Sicht eines Fotografen hat dieser Berg hier vor uns mindestens gleich viel Flair. So wild und so zerklüftet gibt er fotografisch viel her! Ich sehe hier vor mir wunderbare Motive für ein Ambrotypie-Kunstwerk.

 

 

IV: Das siehst du mit den Augen. Was aber siehst du mit dem Herzen?

KM: Mein Zuhause. Ich sehe meine Kindheit. Hier in diesen Bergen bin ich aufgewachsen. Hier wurde mein Abenteuergeist geboren. Von hier aus bin ich aufgebrochen, in die weite Welt hinaus. Doch jetzt zieht es mich zurück zu den Wurzeln.

IV: Wie fühlst du dich an diesem Ort?

KM: Ich spüre Ruhe im Herzen. Und gleichzeitig die Sehnsucht, das wieder zu erleben, was ich als Kind gespürt habe: diese Freiheit.

IV: Hat das Projekt Lightcatcher auch damit zu tun, dass du dieses Gefühl festhalten möchtest?

KM: Gefühle einfangen geht leider nicht. Aber während meiner Arbeit in den Bergen leben sie in mir auf und ich spüre das alles wieder. Die Ambrotypie gibt mir die Möglichkeit, ganz besondere Stimmungen zu erzeugen. Mein Wunsch ist es, im Betrachter dieser einzigartigen Bilder das zu wecken, was mich anspornt. Die gewaltige Imposanz, dieses Majestätische, das die Dolomiten so unverkennbar macht, auf Bilder zu bannen, sie mit der einzigen Art der Fotografie festzuhalten, die ihnen gerecht werden kann. Es geht hier um Unikate! Also um Bilder, die es nur ein einziges Mal in exakt dieser Form geben wird. So wie jede einzelne Spitze der Dolomiten einzigartig ist.

 

IV: Was ist die größte Herausforderung beim Fotografieren dieser Berge anhand der Ambrotypie?

KM: Die schönsten Tage mit blauem Himmel und viel Sonne so wie heute, die man als Mensch am meisten genießt, bringen fotografisch nichts. Vor allem dann nicht, wenn man mit der Ambrotypie arbeiten möchte. Da geht es ja um UV Licht, leuchtende Wolken, Abendlicht. Die ideale Lichtsituation zu finden und diese auch richtig einzuschätzen – hierin liegt die Herausforderung! Eine andere steckt in der Fixoptik – also kein schnelles Zoomen, sondern bedächtiges Planen: ich muss die Location vorab suchen, den Standort der Kamera festlegen, den Bildausschnitt durch die Kameraposition im Voraus auswählen. Im Nachhinein kann ich nichts mehr verändern. Und schlussendlich ist die Chemie noch eine Herausforderung! Die Entwicklung der Bilder ist ja fast eine Zeremonie. Temperaturunterschiede und Schwankungen der Luftfeuchtigkeit werden meine Flexibilität und meine Erfahrung zusätzlich auf die Probe stellen.

IV: Du wirst also bei Wind und Wetter im Freien auf die idealen Lichtverhältnisse warten?

KM: Draußen zu leben, draußen zu bleiben ist keine Herausforderung, sondern ein Privileg. Ich bleibe sehr gerne auch mal ganz für mich alleine. Endlos zu warten, sehr viel Zeit in den Bergen zu sein, dort zu leben und zu schlafen ist für mich ein Genuss, das ist Zigeunerromantik pur.

IV: Und wo wirst du denn des perfekten Moments harren? In einem Zelt?

KM: Die Idee ist der Umbau eines russischen Militär-Lkws, eines Urals. Er soll zu einer mobilen, enorm großen Kamera mit integrierter Dunkelkammer werden, aber gleichzeitig auch zu meinem Wohnmobil, bzw. zu meinem Stützpunkt. Dann bin ich meinen Bergen ganz nahe und kann ihr Licht auf Glas bannen.

 

 

IV: Wenn es etwas gäbe, das du dir für diese Berge wünschen könntest, was wäre es?

KM: Dass das Verbauen der Bergwelt ein Ende hat und wir zumindest im Jetzt-Zustand verweilen können. Lieber noch wäre mir eine Rückbesinnung, eine Rückkehr zur Natur, damit diesen Bergen ihre Wildheit erhalten bleibt.

IV: Gibt es sie denn noch, die Wildheit der Dolomiten?

KM: Ja, noch gibt es die. Und diese wilden, unberührten Flecken, diese stillen, herzbewegenden Felsen zu suchen und im Bild festzuhalten, ist Teil meiner Motivation. Und vielleicht schaffen es meine Bilder, in dem einen oder anderen Kopf auch ein Statement zu setzen. Bewahre, Mensch, das, was ist. Denn es ist einzigartig.

Zusammen sitzen wir noch schweigend im Abendlicht. Wolken bäumen sich am Gipfel. Ich versuche mir dieses grandiose Bild, das sich uns gerade bietet, in schwarz-grau-weiß vorzustellen, auf einer enormen Platte aus schwarzem Glas. Was für einzigartige und ausdrucksstarke Bilder das werden müssen. Ein künstlerische Ode an die Bergwelt.