Ambrotypie im Selbstversuch

“Als ich einmal gebannt darauf wartete gebannt zu werden.“
Ein ambro-typischer Erlebnisbericht.


Wenn man ein solch abenteuerliches Projekt wie “Lightcatcher” auf längere Zeit begleitet, dann lernt man schneller als man denkt und mehr als man glaubt über eine ganz besondere, alte Art der Fotografie: über die Ambrotypie, eine der ersten Methoden, Bilder für die Zeit fest zu halten. Und klar, kann man sich in etwa ausmalen, dass es schon seltsam gewesen sein musste, damals, vor gut 150 Jahren, vor so einem hölzernen Foto-Kasten zu stehen, auszuharren, idealerweise “ohne mit der Wimper zu zucken“, denn ein verwackeltes Bild ließ sich schließlich nicht so einfach löschen und auch nicht so ohne Weiteres wiederholen, so wie es heute ist. Denn das wäre teuer. Richtig teuer.

Nun ist es im Falle Lightcatcher ja so, dass es sich bei der Ambrotypie-Kamera, die gebaut werden soll, nicht um einen alten Fotoapparat normaler Größe handeln soll, sondern um einen riesigen, russischen LKW, der zur Kamera umfunktioniert wird! Denn bei diesem Projekt sollen eben keine Portraits entstehen, wie es in alten Zeiten üblich war, nein – Berge sollen es sein. Und nicht irgendwelche. Die Dolomiten. In all ihrer Imposanz und Schönheit.

Als – nennen wir es mal Pilotprojekt für ein solch kolossales Vorhaben – dient eine “kompakte“ Vorversion, 2 Meter lang, 70 cm breit, ironischerweise “Baby” genannt. Nun kann man sich in etwa ausmalen, wie weit ein Herz in die Hose rutschen kann bei der Frage: “Würdest du dich mit “Baby” portraitieren lassen?” Ich – ein Testmodel. Das eigene Gesicht auf Glas gebannt für die Ewigkeit. Und was, wenn man wackelt, oder die Luft nicht lange genug anhält? Dann ist die Aufnahme im Eimer. Und die ist Dank der Menge an benötigtem Silber und Spezial-Glas, dessen weltweit einziger Produzent inzwischen im tschechischen Böhmen sitzt, ziemlich kostspielig.
 

Und trotzdem habe ich mit „ja“ geantwortet.

Eine alte Holztür öffnet sich leise knarrend und vom gleißenden Sonnenlicht schreitet man durch dicke Steinmauern ins Duster, woran sich die Augen erstmal gewöhnen müssen. Glasplatten mit beeindruckenden “Erstversuchen” darauf, Leinwand, Keller, Dunkelkammer, Tische, Leuchtschirme, orientalische Teppiche neben urigem Bauernmobiliar – ein einmaliges Flair, hier im alten Gewölbe. Die Spannung steigt, schon allein durch die professionelle Maske, die mir nun verpasst wird, durch die zweckdienlichen Hinweise und einen Künstler-Kurt, der sich eine noch weniger beruhigende Schürze aus dickem Leder umgebunden hat.

 

Stillgestanden!

Ein Blick in den Spiegel. Ich sehe zeitversetzt aus! Der Retro-Look steht mir gut, finde ich. Ich soll mich vor die tellergroße Linse stellen. Ein schwarzes Auge, in das ich ebenso starre, wie es mich selbst anzusehen scheint. Scheinwerfer an. Spotlight! So dermaßen im Rampenlicht stand ich auch noch nie. Und zu wissen, dass die assistierende Ambrotypie-Crew mich gerade auf der Mattscheibe auf der anderen Seite der Kamera im Detail betrachtet. Von hinten wird die Kopfstütze herangeschoben, die dem Anlehnen dient bzw. dafür sorgen soll, dass ich tatsächlich nicht mehr mit der Wimper zucken kann. Vor der eigentlichen Aufnahme macht Kurt Belichtungstests auf einer kleinen, 9 x 12 cm großen Platte.

Die Glasplatten sind aus nachtscharzem, durchgefärbtem Kathedralenglas. Sie werden mit einer speziellen Paste aus Kalzium und Alkohol geputzt und dann in Nylonfolie eingepackt. Das Kollodium muss schon zwei Tage vorher angerichtet werden, es muss reifen. Das Silberbad muss immer ganz frisch sein. Bevor das Licht eingefangen werden kann, wird die Glasplatte vorbereitet: vorsichtig wird sie mit Handschuhen von der Nylonfolie befreit: jeder Fingerabdruck, jedes Staubkorn würde das Ergebnis beeinträchtigen. Langsam wird das dickflüssige Kollodium auf die Platte aufgegossen und darauf verteilt. Sobald es zu trocknen beginnt, kommt die Glasplatte in das Silberbad, das Kollodium tränkt sich mit Silberkristallen. Jetzt ist die Platte lichtempfindlich. In vollständiger Dunkelheit wird die Glasplatte in das Magazin geschoben.

Dann halte ich zum ersten Mal die Luft an. Zähle innerlich bis 2, 4, 8, 16. Kurt zieht den Adapter mit den Probebelichtungen aus der Halterung und verschwindet für 10 Minuten, die sich wie 30 anfühlen. Aus dem einfachen Grund, weil der Mensch das wartende Mucksmäuschenstillstehen nicht gewohnt ist. Meine Beine sagen mir das. Und mein Kreuz. Dabei waren das doch eben nur 10 Minuten Stillstehen!

Nach zwei Versuchen steht es fest: 6 Sekunden sind die optimale Belichtungszeit. Jetzt geht’s ernsthaft zur Sache. Mein Herz hüpft im Brustkorb herum, dass ich denke, da verwackelt schlussendlich ganz bestimmt doch noch was. Kurt setzt das Magazin mit der Glasplatte ein, wandert einmal um mich herum. Dann nimmt er er den Deckel vom Objektiv. Laut zählt er die Sekunden und mein Atem steht still. “Done!” ruft er und zieht das Magazin mit der belichteten Platte heraus. Ich folge ihm aufgeregt in den Keller alias Dunkelkammer. Im Stockduster kippt er Chemie ( besser Entwickler ) über die Platte, die in einer Wanne aufgefangen wird.

Das Magazin wird in das „Baby“ eingelegt, die beschichtete, lichtempfindliche Seite im Kamerainnern freigelegt. Der Deckel wird vom Objektiv abgenommen, für 6 Sekunden fällt das Licht auf die Silberkristalle und aktiviert sie. Nun liegt ein Bild in der Silberschicht verborgen.

Ich spüre seine Anspannung, als nach 8 Sekunden noch immer nichts auf der Platte erscheint. “Komm schon, komm schon!” Und da – wie von Geisterhand erscheinen graue Schatten auf der Platte, die sich dann zu Formen in Grautönen ausweiten. Erste Umrisse. Weiße Konturen, die sich als Gesicht abzeichnen. “Hier haben wir das Negativ.” Kurt gießt Wasser darüber, schnappt sich die Platte und wandert mit ihr in die zweite Dunkelkammer, in der die eigentliche Foto-Magie statt findet. Ich hüpfe davor herum und jetzt plötzlich scheinen die Sekunden sich zu dehnen wie Kaugummi. Denn was ich da ansatzweise erscheinen sehen habe, hat mich schwer beeindruckt. Silbergraue Konturen, die sich von schwarzem Glas hervorheben.

In der Dunkelkammer wird Entwickler – Eisensulfat – auf die belichtete Platte gegossen. Er verstärkt die Aktivierung der Silberkristalle und macht das eingefangene Licht als Negativ sichtbar. Sobald das Bild erscheint, muss Wasser darüber fließen, um den Prozess zu stoppen. Nun kommt das Bild ins Fixierbad, wo die Silberkristalle in metallisches Silber umgewandelt werden und aus dem Negativ ein Positivbild entsteht. Die nicht aktivierten Silberkristalle werden herausgewaschen, das silberne Bild auf schwarzem Glas ist jetzt fixiert. Eine Schutzschicht bewahrt es für die kommenden Generationen.

 

Emotion auf Glas gebannt

Kurt strahlt übers ganze Gesicht. Er hält mir das Ergebnis von 6 Sekunden Luft anhalten unter die Nase.
Und jetzt bin ich sprachlos. Absolut. Auf dieser Platte blickt mir mein eigenes Gesicht dermaßen ausdrucksstark entgegen, wie kein Spiegelbild und kein Foto mich jemals dargestellt hatten. Die Konturen sind so fein, so klar und gleichzeitig so sanft verschwimmend, so dass ich mich nicht entscheiden kann, ob das Bild Charakterstärke oder Sanftmut verkörpert. Insgesamt erinnere ich mich selbst an eine Schauspielerin aus dem letzten Jahrhundert. Und ich bin absolut beeindruckt, von meinem eigenen Bild. Was mir wirklich noch nie in meinem Leben passiert ist. Der höchste Ausdruck stiller Begeisterung meinerseits ist immer: Schweigen. In demütiger Betrachtung solcher Kunst, zwischen Wissen und Chemie, zwischen Maschine und Mensch, zwischen Materialien und Licht. Hier wird Unsichtbares sichtbar gemacht und auf Glast gebannt. Ambrotypie, das ist Emotion auf Glas. Und Bilder, die berühren.